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Schleichende Revolution

Montag, 03. September 2018
Fotolia (Production Perig)

Beim Fraunhofer-Institut für angewandte Informationstechnik laufen verschiedene Blockchain-Projekte. Zum Beispiel wird unter dem Titel «Blockchain for Education» die Fragestellung bearbeitet, wie Fälschungssicherheit, sicherer Zugang und sichere Verwaltung von digitalen Zeugnissen und Zertifikaten gewährleistet werden können. Dazu wird eine Plattform auf Basis der Blockchain-Technologie entwickelt, die einerseits eine flexible Darstellung von Zertifikaten für Benutzer bietet und andererseits die Aussteller von Zertifikaten bei der Verwaltung und Archivierung unterstützt. Das Institut arbeitet auch mit Grossbanken zusammen, um die Potenziale der Blockchain bei (grenzüberschreitenden) Handelsgeschäften auszuloten – etwa um Akkreditive mit der Technologie schneller und für alle Beteiligten simultan abzuwickeln. Verschiedene Banken bereiten inzwischen im Verbund innovative Plattformen für die Handelsfinanzierung vor. Im Sommer dieses Jahres starteten erste Praxistests.

Effektivere Prozessgestaltung

Die Beispiele stehen für einen zentralen Vorteil, den die Blockchain bietet: Sie ermöglicht eine manipulationssichere Archivierung von Daten sowie eine korrekte, dauerhafte Zuordnung zu den Urhebern beziehungsweise Besitzern der Daten. Damit könnte sie konventionelle Archiv-Speicher ersetzen, die bisher für eine gesetzeskonforme und revisionssichere Ablage von Daten genutzt werden.

Neben sicheren Identitäten ermöglicht die Blockchain auch verlässliche Transaktionen zwischen einzelnen Geschäftspartnern, und zwar ohne zwischengeschaltete Makler oder Intermediäre. Für Blockchain-Visionäre wie Ethereum-Mitgründer Joseph Lubin werden dadurch langfristig Geschäftsmodelle obsolet, die auf der Vermittlung individueller Transaktionen basieren – etwa von Uber oder von Airbnb. Denn die Blockchain schafft für Anbieter die Voraussetzung, ihre Kunden direkt zu erreichen und ihre Leistungen über eine neue, dezentrale Infrastruktur abzurechnen.

Sicherheit und Transparenz

Dies können Fahrdienste sein, aber auch Musikkünstler, die einzelne Titel über das Web direkt an ihre Fans vertreiben. Oder Unternehmen, die Kapitalanteile am Markt anbieten wollen. Bezahlt wird bei solchen Transaktionen mit Kryptowährungen wie Bitcoin oder mit Token, also mit digitalen Anteilsscheinen, wie sie Ethereum für seine Blockchain-Plattform entwickelt hat.

Die meisten aktuellen Projekte beziehen sich aber auf die digitale Optimierung von B2B-Prozessen. «Weltweit verfolgen viele Handelsunternehmen momentan solche Ansätze», sagt Regina Haas-Hamannt, Blockchain-Expertin und Innovationsleiterin bei GS1 Germany. Die Organisation des Palettentauschs ist hierfür ein Beispiel (s. Teil 2 der Serie). Andere Projekte beziehen sich auf Lebensmittelsicherheit und Rückverfolgbarkeit. In den USA arbeitet IBM an einer Blockchain-Plattform, auf der Handelsunternehmen wie Walmart und Kroger sowie Produzenten wie Nestlé und Unilever die Lieferkette lückenlos dokumentieren wollen. Jede Charge erhält dazu digitale  Informationen mit verschlüsselten Angaben zu Hersteller, Produktions- und Verarbeitungsdetails, Kühlkette und Ablaufdaten. Im Blockchain-Netzwerk soll dann für alle am System beteiligten Unternehmen jede Transaktion, jede Veränderung in Echtzeit nachvollziehbar sein. Bei Qualitätsproblemen könnte somit umgehend und chargengenau reagiert werden.

Interview

Regina Haas-Hamannt, Blockchain-Expertin und Innovationsleiterin bei GS1 Germany, über praktikable Anwendungen der Technologie Blockchain im Handel

Wie ist der aktuelle Status beim Blockchain-Projekt Palettentausch?
Wir erproben die Technologie anhand eines echten Anwendungsfalls mit echten Supply Chain-Partnern und echten Daten. Das ist bislang einmalig in Deutschland. Die Prozesse sind definiert, die nutzenzentrierte IT-Umsetzung wird momentan vorangetrieben. Im Herbst erfolgt der Praxistest. Auf dieser Basis werden wir bis zum Jahresende zu validen Ergebnissen kommen und konkrete Handlungsanleitungen daraus ableiten können. Die Ergebnisse werden wir am 6. Dezember im Rahmen unseres Blockchain-Praxistages in Köln vorstellen.

Wie lautet die Zielsetzung des Projektes?
Den Palettentausch-Prozess zu optimieren, wäre sozusagen ein willkommener Nebeneffekt. Im Kern allerdings geht es uns darum, die Praxistauglichkeit der Blockchain-Technologie für diese und für künftig mögliche weitere Anwendungen zu erproben. Wir wollen über die Stärken, Schwächen, Chancen und Herausforderungen der Technologie am Beispiel eines konkreten Anwendungsfalls lernen.

Wo gibt es Probleme, wo stoßen Sie auf ungeahnten Mehraufwand?
Blockchain-Anwendungen sind noch Neuland. Sie bedeuten einen Paradigmenwechsel von der zentralen hin zur dezentralen Datenhaltung. Wir schauen genau hin, auf welchen Ebenen Probleme auftauchen. Man muss neue Denk- und Organisationsstrukturen sowie sehr saubere Prozess- und Datenfeld-Definitionen entwickeln. Auch bei der technischen Umsetzung stoßen wir auf ungelöste Herausforderungen, beispielsweise das dezentrale Identitätsmanagement. Auch nicht-technische Governance-Fragen müssen geklärt werden, also: Wer darf wann was im Netzwerk tun. Da technologische und inhaltliche Fragen nicht getrennt voneinander zu sehen sind, ist ein längerer Iterations-Prozess nötig, um zu Klarheit und einheitlicher Sicht aller Beteiligten sowie zu einer praxistauglichen Anwendung zu kommen. 

Wo sehen Sie perspektivisch weitere Anwendungen der Blockchain im Handel?
Dazu wird man mehr sagen können, wenn Tests und Projekte abgeschlossen sind, die heute international und unter Beteiligung etlicher großer Handelsunternehmen durchgeführt werden. Hauptstoßrichtung momentan ist, die Blockchain als dezentralen Datenspeicher zu nutzen, beispielsweise für die gesetzeskonforme Archivierung von Massendaten oder in Bezahlprozessen mit Krypto-Währungen.

Einige Tests beziehen sich auf die Produkt-Rückverfolgung. Auch aus Ihrer Sicht eine künftige Blockchain-Anwendung?
Auch dies müssen Forschungsprojekte zeigen. Aus Erfahrung unseres Tochterunternehmens F-Trace ist die größte Herausforderung zunächst einmal, valide Daten mit einer durchgängig hohen Qualität bereit zu stellen – unabhängig davon, ob diese Daten zentral oder dezentral gespeichert werden. Verkürzt gesagt: Ohne Daten keine Blockchain. Eine jede Rückverfolgbarkeitslösung – ungeachtet der zugrundliegenden Technologie – steht und fällt mit Datenverfügbarkeit, Datenqualität und Kooperationswillen der Anwender.  Ein erfolgreiches Pilotprojekt unter Laborbedingungen durchzuführen, ist ein erster Schritt. Die sehr verschiedenen Reifegrade aller beteiligten Akteure einer Lieferkette – vom kleinen Mango-Bauern in Südamerika bis zum globalen Handelskonzern in Europa – und ihre unterschiedliche Bereitschaft, Daten einzustellen und ihre Lieferwege transparent zu machen, sind Herausforderungen, für die auch eine Blockchain-Lösung derzeit noch keine Antworten bietet. Zudem sollte auch eine auf einer Blockchain basierende Rückverfolgbarkeitslösung auf Standards aufgebaut sein, ansonsten drohen Reibungsverluste durch fehlende Interoperabilität.