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Einstellung auf Klimawandel nötig – Ein Interview

Freitag, 02. November 2018

Interview mit Christoph Freitag und Horst-Peter Karos, Geschäftsführer beim Bundesverband der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie e. V. (BOGK), über den Klimawandel und seine Folgen für 2018 und die Zukunft

Wie hat sich das Wetter 2018 auf die Ernte ausgewirkt?
Christoph Freitag: Bei Obst und Gemüse ist sie sehr unterschiedlich verlaufen. Wir haben Probleme bei allen Sorten, die man nicht gut bewässern kann. Bei Möhren, Rote Bete und Sellerie erwartet die Branche deshalb mindestens 10 Prozent geringere Erträge als im langjährigen Durchschnitt. Bei Weisskohl belaufen sich die Verluste in einigen Regionen auf bis zu 40 Prozent, bei Rotkohl sogar auf bis zu 50 Prozent. Besonders schlimm ist es bei Grünkohl: Hier fällt die Hälfte der Ernte aus.

Horst-Peter Karos: Bei den Kartoffeln haben sich die Prognosen vollumfänglich bestätigt. Zwar stehen wir noch am Anfang der Ernte, aber bislang stehen wir bei 8,7 statt 11,7 Millionen Tonnen. Das sind derzeit Verluste von 25 Prozent. Bis die Kartoffelernte Ende Oktober abgeschlossen ist, vermute ich, dass die Situation auf ähnlichem Niveau bleibt bzw. sich eher noch verschärfen wird. Zudem müssen wir mit der Ernte einen Zeitraum bis September 2019 überbrücken. Weitere Aussagen lassen sich derzeit nicht treffen. 

Gibt es umgekehrt auch Sorten, die vom Wetter profitiert haben?
Christoph Freitag: Die Ernte von Äpfeln und Kirschen lag mengenmässig etwa auf dem guten Vorjahresniveau. Die Gurken sind zwar früher reif als sonst, aber Menge und Qualität sind gut. Man kann bei ihnen gut mit Tröpfchenbewässerung arbeiten, bei der geringe Wassermengen aus Schläuchen direkt in den Boden sickern. Allerdings sind sie auch ein bisschen grösser geworden, weshalb der Bedarf an Cornichons stärker aus anderen Ländern gedeckt werden muss. Das ist jedoch immer so, da kleine Gurken täglich geerntet werden müssen, was sich in Deutschland nicht bezahlen lässt.  

Kann die verarbeitende Industrie ihren Bedarf durch Importe decken?
Christoph Freitag: Die Trockenheit  war kein Wetterereignis „nationalen Ausmasses“, wie Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner formuliert hat, sondern hat die Herbstgemüse-Ernte europaweit beeinflusst. Obst- und Gemüseimporte aus weiter entfernten Drittländern kommen ebenfalls nicht in Frage, weil der Aufwand die Rohware um 50 bis 100 Prozent verteuern und die Qualität leiden würde. Jüngst hatten wir den Fall, dass Südtiroler Äpfel ihr Ziel in Norddeutschland als Brei erreichten.

Horst-Peter Karos: Zudem schränken phytosanitäre Bestimmungen für Kartoffeln die Export-Möglichkeiten aus Drittländern ein. Mit dieser Kontrolle soll die Einschleppung von gefährlichen Schadorganismen wie z.B. Insekten, Pflanzenbakterien- oder -viren in die EU verhindert werden.

Und wenn man die Exporte reduziert?
Christoph Freitag: Das ist rechtlich nicht ohne weiteres möglich. LEH, Gastronomie und Export sind die drei Hauptabsatzwege für unsere Mitgliedsunternehmen. Die zugrundliegenden Verträge sind langfristig geschlossen und müssen von jedem bestmöglich erfüllt werden. Dazu gehört, dass Verträge gleichberechtigt bedient werden müssen. Ausnahme ist, wenn ein Vorlieferungsrecht vereinbart wurde. 

Bei welchen Verarbeitungsprodukten kommt es nun einer Verknappung?
Christoph Freitag: Wir rechnen mit einer Verknappung bei Rotkohl im Glas, Sauerkraut in Glas/Tüte sowie Grünkohl in Glas und tiefgekühlt.

Horst-Peter Karos: Bei Kartoffeln gibt es Versorgungsprobleme bei den gängigen  Kartoffelverarbeitungsprodukten wie z. B. Pommes Frites, Chips, Frischteigen, Kartoffelpüree und Spezialitäten wie Kartoffeltaschen etc. Hier werden deutliche Preissteigerungen die Folge sein. 

Wie kann der Handel dieser Verknappung begegnen?
Christoph Freitag: An der Mengensituation kann der Handel nichts ändern. Allerdings kann er dem Verbraucher erklären, warum die Regale leer bleiben oder es zu längeren Lieferzeiten kommt. 

Was können alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette von der diesjährigen Situation lernen?
Christoph Freitag: Der Klimawandel lässt sich nicht mehr leugnen und wird extremere Wetterkapriolen mit sich bringen. Mal werden die Sommer heisser und trockener sein, mal kühler und nasser. 2018 war für alle Akteure überraschend, so dass diesmal viele Sonderregelungen gelten. Kein Bauer muss seine Lieferverträge erfüllen, auch unsere Mitgliedsunternehmen sind nicht zu Schadensersatzzahlungen verpflichtet. In Zukunft wird das aber nicht mehr so einfach sein. Frau Klöckner hat bereits durchblicken lassen, dass Ausgleichszahlungen für die Bauern kein Dauerzustand sein werden.

Horst-Peter Karos: Das bedeutet, dass alle Akteure rechtzeitig einige offene Fragen klären müssen. Man wird Missernteklauseln in die Lieferverträge  aufnehmen müssen, die die rechtlichen und praktischen Punkte der Lieferung im Detail klären. Wasserrechte müssen fixiert werden, um Bewässerungen sicherzustellen. Wir werden neue Züchtungen brauchen, die besser mit extremen Klimaausprägungen zurechtkommen. Unsere Verbandstagung im kommenden Jahr wird sich intensiv mit diesem Thema beschäftigen.

Info

Einfluss des Sommers 2018 auf die Ernte:

Gewinner: 
• Äpfel
• Süss-, Sauerkirschen
• Pflaumen
• Zwetschen
• Beerenobst
• Mirabellen
• Spargel

Verlierer: 
• Getreide
• Erdbeeren
• Kohl
• Salat
• Radieschen
• Zwiebeln
• Körnermais
• Karotten 

Quellen: Bauernverband, Agrarmarkt Informations GmbH, Bundesverband der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie e. V., Erntebericht 2018, Bundesausschuss Obst und Gemüse