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Wenn weniger mehr ist

Montag, 03. September 2018
Fotolia (kucherav)

Zahnbürsten aus Holz, Müsli im Weck-Glas, Shampoo in Seifenform: In Zeiten immer grösserer Umweltverschmutzung und Plastikmüll wird das Bewusstsein der Bevölkerung geschärft, etwas für die Natur zu tun. So kaufen etwa 52 Prozent der österreichischen Haushalte nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) gezielt Produkte mit wenig Umverpackung. Und laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Splendid Research sind 71 Prozent der deutschen Verbraucher begeistert vom Konzept so genannter Unverpackt-Läden, in denen sie sich die gewünschten Lebensmittel wie Reis oder Nudeln in selbst mitgebrachte Behälter abfüllen können. Auf diese verstärkte Nachfrage der Verbraucher nach umweltbewusstem Handeln haben in den vergangenen Jahren viele kleine Händler reagiert: Sowohl in Deutschland als auch in Österreich, der Schweiz und den Niederlanden haben in fast allen Städten ein bis mehrere Unverpacktläden eröffnet. Waren es 2014 noch zwei Läden in Deutschland, sind es hierzulande mittlerweile 70 Läden plus vier in Österreich und acht in der Schweiz, wie auf der Online-Plattform für Umweltnachrichten «utopia.de» zu lesen ist.

Unverpacktläden in jeder Stadt

«Das Thema verpackungsfrei und bewusster Konsum birgt grosse Möglichkeiten für den Handel», sagt Studienleiterin Nadine Corleis von Splendid Research. Denn viele der Befragten (51 %) hätten angegeben, nur deswegen nicht in einem der Unverpacktläden einzukaufen, weil es in ihrer Nähe keinen gibt. Weiter fügt Corleis hinzu: «Das hiesse ja im Umkehrschluss, dass diese Menschen in einem derartigen Laden einkaufen würden, gäbe es ihn vor Ort.»

Dabei sind es laut Splendid Research vor allem Obst, Gemüse und Nüsse, die die Kunden gerne unverpackt kaufen und deren loser Abverkauf auch von Händlerseite her einfach zu handhaben ist. Interessenten können die Ware entweder in selbst mitgebrachte Tüten füllen, direkt in den Einkaufskorb legen – oder ein Angebot wie von tegut nutzen. Das Unternehmen bietet seit Kurzem waschbare Netze an: Von A wie Apfel bis Z wie Zucchini können die Verbraucher lose Ware in diesen vielfach wiederverwendbaren Behältnissen mitnehmen. Das geringe Gewicht der Beutel werde beim Wiegen an den Kassen automatisch abgezogen, teilt tegut mit. Und das Unternehmen geht sogar noch einen Schritt weiter: Es bietet – auf Wunsch – die Produkte der Frischetheke unverpackt an. Ob für Lachs, Antipasti oder Käse, beim Einkauf können die Käufer die mitgebrachte Dose auf einem Tablett über die Theke  reichen, das Personal ermittelt das Tara, befüllt die Box und gibt sie auf dem Tablett zurück. Die Verbraucher verschliessen die Dose und erhalten ein Preisetikett, das sie aufkleben. Auch bei Kaufland kommen Konsumenten auf diese Art weiter – das Thekenpersonal befüllt ebenfalls mitgebrachte Boxen.

Antipasti in der Tupperdose

Vor allem ein derartiges Angebot ist es, mit dem Handelsketten die Möglichkeit haben, sich von den Unverpacktläden, die meist keine Frischware anbieten, abzuheben. Ihr Angebot beschränkt sich oft auf das Trockensortiment sowie Öle, Essige, Gewürze, hochwertige Spirituosen, Tee, Backwaren und Waschmittel.

Derweil teilt die Swiss Retail Federation mit, seine Mitglieder böten ebenfalls nach Möglichkeit Obst, Gemüse und Kleinbackwaren im Offenverkauf an sowie in geringerem Mass auch Käse, Fleisch, Fisch und teils auch Take-away-Verpflegungsmöglichkeiten. In Bezug auf Letztere könne der Kunde seine Portionen selbst einpacken oder unverpackt mitnehmen. Daneben stellten Abfüllstationen eine interessante Möglichkeit dar, an denen der Konsument seine Produkte selbst portionieren könne. «Das bedingt aber wieder eine gewisse Kontrolle durch das Personal», so der Verband. Leider schränken auch die Vorgaben der Hygieneverordnung undder Kostendruck (bedient versus Selbstbedienung) die Kreativität des Händlers ein. Die Kennzeichnungspflicht und Allergenauskunft lassen zudem wenig Möglichkeiten.» Was die Akzeptanz eines solchen Angebots angeht, würden vor allem die ältere Generation und Single-Haushalte zu loser Ware greifen. Viele andere jedoch fragten aufgrund des Wunsches nach Convenience und To-go-Produkten in der Schweiz sogar verstärkt verpackte Ware nach.

Bio-Früchte in der Plastikfolie

Warum es ausgerechnet die Bio-Früchte sind, die meist verpackt angeboten werden, erklärt der Verband wie folgt: «Eine nicht manipulierbare Kennzeichnung ist wichtig und die Umstellung auf Offenverkauf nur von Bio-Produkten würde aufgrund der geringeren Menge den Materialverbrauch insgesamt erhöhen. » Um dieses Problem zu lösen, experimentieren derzeit einige deutsche Supermärkte mit so genanntem «Natural Branding», bei dem direkt in die Schale der Frucht die für Bio-Produkte obligatorische Angabe der Öko-Kontrollstelle gelasert wird. Auch Kaufland probiert verschiedene Lösungsmöglichkeiten und teilt mit: «Unsere K-Bio-Bananen  etwa sind anstelle von Folienbeuteln mit einer Papp-Banderole versehen. Alleine dadurch sparen wir pro Jahr circa 32 Tonnen Verpackung.»

Zur Plastik-Steuer, über die zuletzt häufiger debattiert wurde, äussert sich wiederum der Handelsverband Österreich: «Diese lehnen wir ab, da sie europäische Unternehmen gegenüber Wirtschaftsräumen wie Asien und Amerika belasten würde.» Jedoch stehe der Handelsverband dem Entwurf der EU-Kommission zur neuen «Plastik-Richtlinie» und damit dem Versuch, leicht ersetzbare Einweg-Plastikprodukte zu verbieten, grundsätzlich positiv gegenüber.

Auch beobachtet der Verband, dass sich viele heimische Händler zuletzt den Zero-Waste-Läden ein Stück weit angenähert haben, indem sie beispielsweise Getreidespender testeten, Milch in  Glasflaschen anböten und immer mehr Obst und Gemüse auch unverpackt verkauften. 

Statement

Antonia Wucknitz, Inhaberin des «Unverpackt»-Ladens, Karlsruhe

«Wir sparen zwischen 60 und 100 % Müll ein.»  

 

Umwelttipps

Wie Sie am POS Müll einsparen 

  • Bieten Sie Alternativen zu herkömmlichen Artikeln an, die die Umwelt belasten; machen Sie diese kenntlich. Dies können beispielsweise Stroh-Strohhalme, essbare Teller und Schalen, Brotboxen oder Mehrweg-Coffee to go Becher in ansprechenden Designs sein. 
  • Weisen Sie Ihre Mitarbeiter an, Kassenbons nur auszudrucken, wenn der Kunde dies wünscht.
  • Richten Sie ein Kartoneck ein. Mit den dort bereitgestellten leeren Verpackungen kann der Kunde seinen Einkauf transportieren, ohne eine Tüte kaufen zu müssen. Positiver Nebeneffekt: Sie reduzieren Ihre Kosten für die Altpapierentsorgung. 
  • Falls sich am POS eine Bäckerei oder Kaffeebar befindet, macht eine Mitgliedschaft im Netzwerk «Coffee to go again» (Logo siehe oben) Sinn. Das Projekt informiert im Internet darüber, wo Kunden in Deutschland ihren mitgebrachten Kaffee-Mehrwegbecher befüllen lassen können. Mitglieder des Projekts erhalten einen Aufkleber für die Eingangstüren der Geschäfte, so dass auch direkt am POS klar wird, ob ein Händler den Service anbietet.
  • Ermutigen Sie in der hauseigenen Bäckerei die Kunden, einen eigenen Stoffbeutel von zu Hause für den Transport von Brot und Brötchen mitzubringen - wie es vor 20 Jahren auf dem Land noch üblich war. 
  • Wenn Sie eine Salatbar zur Selbstbedienung haben, prüfen Sie, ob es möglich ist, dass die Kunden mitgebrachte Tupperdosen befüllen können. Hierfür muss das Tara des leeren Topfes ermittelt werden können, so dass beim Abrechnen an der Kasse keine Probleme entstehen. 
  • Werden Sie Teil des «Refill»-Projekts und bieten Sie am POS den Kunden an, ihre mitgebrachte Wasserflasche wieder zu befüllen. Vor allem im Sommer wird dieses Angebot nicht nur als Massnahme zum Umweltschutz, sondern als kundenorientierter Service gewertet werden. Mit dem Logo (s.o.) der Initiative können Sie bereits am Eingang auf den Service aufmerksam machen. 
  • Bieten Sie in der Obst- und Gemüseabteilung waschbare Netzbeutel für den Transport loser Ware an. Diese kann der Kunde wiederverwenden. 
  • Bieten Sie Eier auf Stiegen zum Stückpreis an. So können Kunden sie in mitgebrachten Kartons einpacken. 
  • Machen Sie an der Frischetheke darauf aufmerksam, dass Sie die Ware auch in mitgebrachte Boxen füllen. Was im Rahmen des gesetzlich Möglichen ist, machen zum Beispiel tegut oder Kaufland vor.   

     

Infos

Pernod Ricard Deutschland
setzt weltweit keine Plastikstrohhalme sowie Rührstäbchen mehr ein und will so Kunden und Konsumenten für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisieren.
Stand: 2018 

Kaufland
sieht sich – sowie den gesamten Einzelhandel – nach eigenen Angaben im Kampf gegen Plastik in der Pflicht. Aus diesem Grund hat das Unternehmen die «360 Grad Plastikstrategie» entwickelt. Sie sieht vor, in allen Ländern, in denen Kaufland vertreten ist, bis 2025 den Kunststoffverbrauch um mindestens 20 Prozent zu reduzieren, zu 100 Prozent die Recyclingfähigkeit der Kunststoffverpackungen für Eigenmarken sicherzustellen sowie bis Ende 2019 gezielt ausgewählte Kunststoff-Artikel auszulisten, beispielsweise Ohrenstäbchen, Strohhalme und Einweg- Kunststoffgeschirr der Eigenmarken.
Stand: 2018

Jeder zweite Befragte
gibt in Deutschland an, auf Plastik zu verzichten und Dinge zu reparieren statt neu zu kaufen, um nachhaltiger zu leben.
Statista / YouGov, 2018 

85 Prozent der Kunden
in Deutschland benutzen für ihren Lebensmitteleinkauf eine Tragehilfe, die sie von zu Hause mitgenommen haben. Wer eine Tasche vor Ort erwirbt, setzt häufig auf Mehrweg-Tragetaschen (36%), gefolgt von Stoffbeuteln (25%). Plastiktüten würden von rund 20 Prozent gewählt. 

Für den Kauf von Kleidung
nehmen immerhin 60 Prozent der Kunden eine Tasche von zu Hause mit. 

Jeder vierte Bundesbürger
setzt eine Plastiktüte öfter als zehn Mal ein. Lediglich 16 Prozent der Käufer werfen ihre Plastiktüte nach einem einzigen Einkauf in den Müll.
Splendid Research, 2018  

 

Info

Die Nutzung von Plastiktüten sinkt stetig, ist aber noch immer ein grosses Thema. Mit Hilfe einer Umweltabgabe könnte das Unheil weiter eingedämmt werden: „72 Prozent der Bürger befürworten eine Abgabe von 22 Cent auf jede Plastiktüte“, so die Studienleiterin. Auch wenn dies ein geringer Rückgang von vier Prozentpunkten im Vergleich zu 2015 sei, so „macht die Erhebung deutlich, dass nach wie vor eine hohe Zustimmung zu einer Einführung dieser Abgabe existiert.“ Alles in allem sei die Bevölkerung also auf einem guten Weg dahin, sich irgendwann komplett von der Plastiktüte zu verabschieden.
Splendid Research, 201