Ausgabe:

Im Spannungsfeld von Mensch und Maschine

Mittwoch, 01. August 2018
Thomas Schindel

Roboter fahren unseren Einkauf nach Hause. Am Point of Sale arbeiten Maschinen. Alles ist vernetzt. Die Verbraucher drucken sich Pasta mit Sosse am Drucker aus. Das Internet wird zum Outernet, es tritt aus den Geräten heraus und dreidimensional hinein in unsere Umgebung. – Das ist die Welt 2028, wie Trendscout Nils Müller sie beschreibt. Auf eine Zeitreise in die Zukunft nimmt er das Publikum mit, stellt aber auch gegenwärtige Entwicklungen vor, etwa die Empfangsdame der Nanyang Technological University in Singapur – ein Roboter, der einem Menschen optisch sehr ähnelt. Müller zufolge wird es ihn ab dem Jahr 2019 zu kaufen geben.

Im Zusammenhang mit solchen Innovationen spricht er von «Disruption», Entwicklungen, die fest etablierte Arbeitsplätze, Erfindungen und Firmen obsolet werden lassen. Wie schnell diese Entwicklung nun verlaufen wird, zeigt Müller anhand einer Kurve auf, die seit 2016 exponentiell verläuft. «In den kommenden Jahren wird es 70 Prozent Wandel pro Jahr geben», prognostiziert er. Doch wo bleibt der Mensch unter dem Druck des Digitalisierungshypes? Management-Coach Nicole Brandes und Wirtschaftsphilosoph Anders Indset sind sich einig, dass es nur gemeinsam geht und nur mithilfe von Kommunikation: zwischen Führungskräften und Mitarbeitern, Frauen und Männern, Generationen, Völkern. Die Pflege von Beziehungen werde immer kostbarer. «Denn sie sind es, die wir niemals digitalisieren können», betont Brandes. Sie ermutigt die rund 240 geladenen Führungskräfte und das MARKANT Management dazu, sich weiterzuentwickeln, um diesen und anderen Anforderungen gewachsen zu sein. Hierfür gibt sie ihnen einen Kompass an die Hand. Eine Art Instrument, das verschiedene Rollen «des Leaders» aufzeigt, die er je nach Bedarf ausspielen kann: die des Thinkers, Lovers, Dreamers und Fighters.

Den Wandel aktiv mitgestalten

Was den Manager als «Thinker» angeht, appelliert sie, überholte Denkmuster zu prüfen. Dennoch dürfe eine Führungsspitze nicht zu lange mit sich beschäftigt sein. «Setzen Sie den Fokus radikal da, wo Sie besser werden wollen.» Beim Rollenbild des Fighters gelte es, die Angst auf dem Weg zum Ziel zu überwinden. «Gehen Sie trotzdem!», ermutigt sie. Unter dem Schlagwort «Lover» kommt sie darauf zurück, wie wichtig es ist, Beziehungen zu pflegen. Hierbei sei es notwendig, Kunden sowie Mitarbeiter dazu zu bringen, dass sie folgen wollten – nicht müssten. Die Rolle des «Dreamers» beschreibt Brandes als eine, zu der es gehöre, nicht nur Visionen zu haben, sondern diese auch vermitteln zu können. Eine Gesellschaft, die aus vielen orientierungslosen Individuen besteht – dieses Bild der Gegenwart zeichnet Anders Indset zu Beginn seines Vortrags. Und in eben diese Gesellschaft dringe derzeit nach und nach die Digitalisierung ein. «Technologie ist die Antwort, aber was war noch mal die Frage?», will der Philosoph angesichts dieser Situation wissen. Er erklärt: «Es ist wichtig, sich nicht der Evolution der Technologie hinzugeben.» Indset refl ektiert, was die Entwicklung aus uns zu machen droht: möglicherweise willenlose Wesen, die aufgehört haben, zu denken und von Maschinen durch das Leben geschoben werden. In diesem Kontext resümiert er: «Wir müssen uns zu einer Verstandes-Gesellschaft entwickeln.» Im Gegensatz zu Nils Müller stellt Indset den Wandel nicht als etwas Schnelles dar: «Er geschieht täglich, im Kleinen, und Sie sind die Gestalter», richtet er sich an das Publikum. Denn letzten Endes, so kommen er als auch Brandes zu dem Schluss, machten Maschinen und Wirtschaft ohne den Menschen keinen Sinn. 

Am zweiten Tag des MARKANT Mitgliederkongresses stand der erste Teil unter dem Motto «Der Mensch im Spannungsfeld von Digitalisierung und Menschlichkeit». Dabei entwarf Trendscout Nils  Müller ein mögliches Zukunftsszenario mit Pasta aus dem Drucker, Robotern in Menschengestalt und dreidimensionalem Internet. Management-Coach Nicole Brandes und Wirtschaftsphilosoph Anders Indset beleuchteten anschliessend die daraus resultierenden Anforderungen an Führungskräfte, mögliche Folgen für die globale Gesellschaft und potenzielle Wege, den Wandel mitzugestalten.

 

Statements

Nils Müller, Gründer und CEO von TrendONE, Marktführer für Trendforschung
«Trends frühzeitig erkennen und darauf reagieren, darum geht´s. Denn Innovationen führen häufig zu Disruption, wie zum Beispiel der 40-Tonnen-Truck von Tesla, oder auch ‹beenest›, die Blockchain, die bald ‹airbnb› ablösen könnte.»

Nicole Brandes, Internationaler Management-Coach und Partnerin des Zukunftsinstituts
«Wir brauchen mehr denn je starke Führungskräfte, die nicht nur digital aufrüsten, sondern auch menschlich. Denn je mehr Digitales in unser Leben dringt, desto grösser ist die Sehnsucht nach dem Echten, Lebendigen, Menschlichen.»  

Anders Indset, Wirtschaftsphilosoph und Sparringpartner von CEOs sowie von Politikern
«Wir haben mehr Wissen, aber weniger Verstand. Wir haben mehr Bildung und Abschlüsse, aber weniger Sinn. Wir haben mehr Experten, aber weniger Lösungen und Antworten auf die zunehmende Komplexität unserer Gesellschaft, die uns ständig verunsichert. Wir haben eine Maschine geschaffen, die alles kann und alles hat, und zweifelsohne wird sie viele unserer Probleme auch lösen, aber dazu fehlt uns ein Kompass.»